LESEEMPFEHLUNGEN

Lassen Sie sich inspirieren….

Judith Hermann, Daheim
S.Fischer Verlag, 189 Seiten , 21€
Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2021.

Judith Hermann erzählt in ihrem neuen Roman »Daheim« von einem Aufbruch: Eine alte Welt geht verloren und eine neue entsteht.Sie hat ihr früheres Leben hinter sich gelassen, ist ans Meer gezogen, in ein Haus für sich.Ihre Tochter ist eine Reisende, unterwegs in der Ferne. Ihrem Exmann schreibt sie kleine Briefe, in denen sie erzählt, wie es ihr geht, in diesem neuen Leben im Norden. Sie schließt vorsichtige Freundschaften, versucht eine Liebesgeschichte, fragt sich, ob sie heimisch werden könnte oder ob sie weiterziehen soll. Judith Hermann erzählt von einer Frau, die vieles hinter sich lässt, Widerstandskraft entwickelt und in der intensiven Landschaft an der Küste eine andere wird. Sie erzählt von der Erinnerung. Und von der Geschichte des Augenblicks, in dem das Leben sich teilt, eine alte Welt verlorengeht und eine neue entsteht.
Hermann Netz webt ein Netz zwischen “Landschaft, Figuren, Erinnerungen – in Dialogen, in denen immer Ungesagtes mitschwingt und der “Gewaltgeschichte” um Massentierhaltung und Klimawandel, die hinter der Leben-auf-dem-Lande-Geschichte im Buch immer wieder auftaucht aber unbeantwortet bleibt.

Evaristo, Mädchen , Frau , etc.
Tropen Verlag, 512 Seiten, 25€
Booker Prize 2019

In »Mädchen, Frau etc.« verwebt Bernardine Evaristo die Geschichten schwarzer Frauen in England über ein Jahrhundert zu einem einzigartigen und vielstimmigen Panorama unserer Zeit. Ein beeindruckender Roman über Herkunft und Identität, der daran erinnert, was uns zusammenhält. Evaristo erzählt mit genauem, auch gnadenlosen Blick, pointiert und ironisch von den Dingen,die zu lange im Schatten standen und bis heute stehen – über falsche Erwartungen und verzerrende Sichtweisen in Fragen von Gender, Rassismus und Diversität.Auch wenn die Frauen, ihre Rollen und Lebensgeschichten sehr unterschiedlich sind, ihre Entscheidungen, ihre Kämpfe, ihre Fragen stehen niemals nur für sich, sie alle erzählen von dem Wunsch, einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Man folgt gebannt den unterschiedlichen Lebensentwürfe, die am Ende so genial alle miteinander verwoben sind.

Helga Schubert, Vom Aufstehen
dtv Verlag, 224 Seiten, 22€
Ingeborg-Bach-Mann Preisträgerin 2020
Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2021

Helga Schubert erzählt in kurzen Episoden und klarer, berührender Sprache
ein deutsches Jahrhundertleben – ihre Geschichte, sie ist Fiktion und Wahrheit zugleich. Als Kind lebt sie zwischen 2 Heimaten, steht als Erwachsene mehr als zehn Jahre unter Beobachtung der Stasi und ist bei ihrer ersten freien Wahl fast fünfzig Jahre alt. Doch vor allem ist es die Geschichte einer Versöhnung: mit der Mutter, einem Leben voller Widerstände und sich selbst.

Sharon Dodua Otoo, Adas Raum
S.Fischer Verlag, 320 Seiten, 22€

Der lang erwartete erste Roman der Bachmann-Preisträgerin Sharon Dodua Otoo: »Adas Raum« verwebt die Lebensgeschichten vieler Frauen zu einer Reise durch die Jahrhunderte und über Kontinente. Ein überraschender Roman, der davon erzählt, was es bedeutet, Frau zu sein. Ada erlebt die Ankunft der Portugiesen an der Goldküste des Landes, das einmal Ghana werden wird. Jahrhunderte später wird sie für sich und ihr Baby eine Wohnung in Berlin suchen. In einem Ausstellungskatalog fällt ihr Blick auf ein goldenes Armband, das sie durch die Zeiten und Wandlungen begleitet hat. Ada ist viele Frauen, sie lebt viele Leben. Sie erlebt das Elend, aber auch das Glück, Frau zu sein, sie ist Opfer, leistet Widerstand und kämpft für ihre Unabhängigkeit. Sharon Dodua Otoos Mut,Ihrer Neugier und mittels Ihrer artistischen Erzählkonstruktion die Vergangenheit und die Gegenwart zu verstehen, lässt diese Geschichte zu einem literarischen Abenteuer werden.


Joachim Zelter, Die Verabschiebung
Kröner Verlag, 160 Seiten, 18€

Eigentlich könnte alles gut sein zwischen Julia und Faizan. Seit einigen Wochen sind die beiden ein Liebespaar – wenn Faizan denn nur in diesem Land bleiben dürfte. Als Asylbewerber aus Pakistan sind seine Chancen auf ein Hierbleiben gleich null. Und so entschließt sich Julia, ihren Freund zu heiraten, obgleich sie eigentlich niemals und unter keinen Umständen jemals heiraten wollte. Doch wenn sie geglaubt hat, dass mit einer Ehe nun alles gut wird, hat sie sich geirrt.
Beklemmend-spannend erzählt Joachim Zelter von der End- und Aussichtslosigkeit eines Asylverfahrens, wo auch eine Ehe kein hinreichender Grund mehr für irgendetwas ist. Sein Roman beschreibt einen kafkaesk-kalten Kosmos akribischen Rechts, in dem die beteiligten Menschen – in einem endlosen Kraftakt – immer mehr an Autonomie und Substanz verlieren, bis kaum mehr etwas von ihnen übrig ist. Menschenwürde? Sie erweist sich in Zelters neuem Roman zunehmend als Konjunktiv.

Iris Lemanczyk, Brennessel Haut
Horlemann Verlag, 286 Seiten, 12,90€
Der aktuelle Roman der aus Kirchheim stammenden Autorin.
Für Jugendliche ab 14 Jahren

Ravensburg, 1938: Kajetan und Heiner sind unzertrennliche Freunde. Als die Nazis an die Macht kommen dürfen die beiden in der Schule nicht mehr zusammensitzen. Kajetan wird nicht nur als “dreckiger Zigeuner” beschimpft, sondern muss in der letzten Reihe sitzen. Er wird von Mitschülern getriezt, nur Heiner und die Webers halten zu ihm. Doch dann muss Heiner wegziehen – und Kajetans Familie landet im Ummenwinkel, einem bewachten Zigeunerlager.Stück für Stück wird Kajetan und seiner Familie das bisherige Leben genommen – und die Freiheit. Eine wahre Geschichte über Mobbing, Rassismus, Diskriminierung, aber auch über Freundschaft. Hinter Heiner verbirgt sich der mittlerweile verstorbene Politiker, Heiner Geißler.

Anne Weber, Annette – ein Heldinnenepos
Matthes&Seitz Verlag, 22 €

Deutscher Buchpreis 2020

Anne Weber erzählt das Leben der Anne Beaumanoir in einem brillanten biografischen Heldinnenepos .Geboren 1923 in der Bretagne, aufgewachsen in einfachen Verhältnissen, schon als Jugendliche Mitglied der kommunistischen Résistance, Retterin zweier jüdischer Jugendlicher – wofür sie von Yad Vashem später den Ehrentitel “Gerechte unter den Völkern” erhalten wird -, nach dem Krieg Neurophysiologin in Marseille, 1959 zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt wegen ihres Engagements auf Seiten der algerischen Unabhängigkeitsbewegung… und noch heute an Schulen ein lebendiges Beispiel für die Wichtigkeit des Ungehorsam…
Die mit großer Sprachkraft geschilderten Szenen werfen viele Fragen auf: Was treibt jemanden in den Widerstand? Was opfert Sie dafür? Wie weit darf Sie gehen? Was kann Sie erreichen?

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